Der AMS-Algorithmus – die maschinelle Stigmatisierung von Menschen

Unbrauchbar

Das österreichische Arbeitsmarkt Service (AMS) setzt seit kurzem einen Algorithmus zur Einstufung von arbeitslos gewordenen Menschen ein – zum Teil ohne das Wissen der Betroffenen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen laufen dagegen Sturm. Auch Humanwissenschafterinnen und Wissenschafter, wie etwa Sarah Spieckermann werden nicht müde, Kritik an so einem Vorgehen zu üben.

Warum diese Kritik?

Was hat es mit diesem Algorithmus auf sich?

Ist es nicht von Vorteil, wenn die modernen Mittel der Datenverarbeitung genutzt werden, um arbeitslosen Menschen zu helfen?

Nun: Der Algorithmus nützt den Arbeitssuchenden nichts. Er stigmatisiert sie – und zwar unnötiger und vermutlich in ungesetzlicher Weise.

Das Bewertungsschema – Algorithmus genannt – beruht auf einer Datensammlung von unterschiedlicher Datenbanken – Datat Warehouse (DWH) genannt – und erzeugt daraus eine Klassifizierung der Arbeitssuchenden.

Dieses Vorgehen ist bedenklich, sowohl in Bezug auf Datenschutz als auch in Bezug auf Diskriminierung und erst recht in Bezug auf persönlichen Konsequenzen.

Diese Art der Einstufung durch Algorithmen wird als personenbezogene Wahrscheinlichkeitsaussage bezeichnet. Das AMS verwendet die euphemistischere Bezeichnung AMS Chancen-Modell. Das klingt freundlicher ändert aber nichts an der Bedenklichkeit des Vorgehens. Der Hersteller des Programms, die Firma Synthesisforschung des Professors Wagner-Pinter, schreibt selbst: „Tatsächlich verletzt eine Reihe von bekannten »Algorithmen« die Normen [des Sozialen]“. Hr. Prof. Wagner-Pinter schlägt daher für seinen Algorithmus Begleitmaßnahmen, wie etwa die Zustimmung der Betroffenen usw. vor.

Beim Einsatz im AMS ist allerdings von diesen „Begleitmaßnahmen“ kaum etwas zu bemerken. Zwar wird Hr. Kopf von AMS nicht müde zu erklären, dass das AMS den Algorithmus nur zur Unterstützung der Beratung einsetzt oder nur zur Verbesserung der Maßnahmen – aber er erklärt kaum, wie er sicher stellt, dass es nicht zu einer maschinengestützten Stigmatisierung kommt.

Was macht der Algorithmus?

Der Algorithmus teilt die Arbeitssuchenden in drei Klassen ein: In Menschen, die vermutlich rasch wieder Arbeit finden, dann in Menschen, die vermutlich etwas länger arbeitssuchend sein werden und in Menschen die für das AMS kaum vermittelbar erscheinen. Für diese Einteilung werden einerseits die Daten des lokalen Arbeitsmarktes herangezogen und anderseits die persönlichen Daten der Arbeitssuchenden – wie etwa Alter, Kinderbetreuungspflicht, frühere Arbeitslosigkeit und andere Information über den Lebenslauf. Daraus wird eine Prognose erstellt, ob ein Arbeitgeber in der jeweiligen Region so jemand einstellen würde.

Wird die Person in die beste Klasse eingereiht, so lässt das AMS diese Person frei Arbeit suchen, wird die Person aber in die schlechteste Kategorie eingereiht, so wird die Person den zahlreichen Privatbetrieben, mit denen das AMS zusammenarbeitet, überstellt, um Integrationsmaßnahmen in den lokalen Arbeitsmarkt unterworfen zu werden.

Und genau darin ist die Ablehnung dieses Vorgehens begründet. Die Menschen werden von einer einst staatlichen Stelle nicht mehr als gleichberechtigte Staatsbürger behandelt sondern als Menschen unterschiedlicher Kategorien, denen auch unterschiedliche Zwangsmaßnahmen zugemutet werden. Zudem gehen diese Maßnahmen in das nächste Chancen-Modell ein.

Auch wenn Hr. Kopf zusammen mit Hr. Professor Wagner-Pinter nicht müde werden, diesen Effekt zu bestreiten, so erfolgt doch die maschinelle Stigmatisierung, verborgen in einem undurchsichtigen Algorithmus.

Was zusätzlich jeden misstrauisch machen sollte: Es gibt eigentlich keinen ersichtlichen Bedarf an diesen Algorithmus. Für den Betrieb des AMS ist der Algorithmus völlig unnötig, da die Betriebsnotwendigkeiten an Schulungen, die Vermittlungsrate usw. seit langem erfasst und bekannt sind.

Was der Algorithmus aber leisten kann, ist eben die Begründung für eine Diskriminierung. Wenn der Menschen als unbrauchbar klassifiziert wird, ist das dann leider wissenschaftlich erwiesen – also eine Tatsache und keine Diskriminierung mehr.

22.11.2019 – Friedi

Weitere Infos:

https://arbeitslosenvereinamsel.wordpress.com/2019/10/10/ams-algorithmus-automaten-klassifizieren-menschen/

https://arbeitslosenvereinamsel.wordpress.com/2019/10/24/ams-algorithmus-der-kampf-gegen-die-hydra/

https://www.aktive-arbeitslose.at/forderungen/nein_zum_ams_algorithmus_menschen_sind_keine_sortierobjekte.html

https://epicenter.works/content/das-problem-mit-dem-ams-algorithmus

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